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Stangenwaffen

Stangenwaffen

Stangenwaffen

Stangenwaffen spielten im Mittelalter eine wichtige Rolle in Schlachten, aber auch bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und dem Durchsetzen des Gesetzes sowie bei der Verteidigung von Städten. Ihre größte Bedeutung hatte sie in der Zeit vom Spätmittelalter bis zu dem stark vermehrten Aufkommen von Schwarzpulverwaffen, in der es viele geschichtsträchtige Schlachten zwischen etablierten regionalen und lokalen Herrschenden und einer nach mehr Freiheit und Rechten strebenden Bürgerschaft gab.

Verstärktes Sicherheitsbewußtsein in freien Städten sorgte anschließend vor allem bis ins 16. Jahrhundert bei Stadtwachen und Nachtwächtern für eine weit verbreitete Verwendung der Hellebarde. Sie erwies sich nämlich gerade im Nahkampf, beim Kampf gegen Berittene und Rüstung tragende Kämpfer, als effektiver als beispielsweise ein Speer.

Der Speer - Waffe und Symbol:
Speere gehören zu den ältesten Kriegs- und Jagdwaffen der Menschen. Bereits in der Frühzeit wurde mit ihnen gejagt und gekämpft. Es wurden Fische gefangen, Wild erlegt und Gegner beworfen. Der Speer bestand aus einem hölzernen Schaft mit einer Spitze aus Knochen, Metall oder anderen Werkstoffen. Als pilum bezeichnete Speere oder Spieße gehörten zur festen Ausrüstung römischer Legionen. Daneben gab es aber auch als hasta bezeichnete Wurfspeere der Legion, welche sich beispielsweise durch die Klinge vom pilum unterschieden.
Vom Pilum existierten in Gewicht und Bauart voneinander abweichende Waffen. Ein schwereres Pilum entstand durch größere Verbindungselemente im Übergangsbereich zwischen metallener Spitze, Metallkopf und Holzschaft. Im ersten Jahrhundert nach Chistus folgte als waffentechnische Neuheit - unabhängig von den Veränderungen an den üblichen Waffen - des weiteren sogar ein zusätzlich mit einem viel schwereren Metallgewicht im Übergangsbereich zum Holzschaft beschwertes Pilum. Besonderst wertvolle oder schön verzierte Speere waren Insignien der Macht und verfügen über einen starken Symbolcharakter, wie beispielweise “Gungnir”, der Peer des Gottes Odin.

Zu den Vorläufern der gerade das Spätmittelalter besonders prägenden Stangenwaffen zählten ab dem 13. Jahrhundert Waffen wie die in Frankreich sehr weit verbreiteten Vogue, Gisarme, Fauchart und weitere. Bei der Vogue handelt es sich um eine Stangenwaffe mit einem langen hölzernen Stiel, an dessen oberen Ende sich eine gebogene Klinge sowie meist ein metallener Dorn befanden. Sie bildeten zusammen eine Einheit, welche über zwei entlang dem Stiel verlaufende metallene Bänder verfügen. Diese dienten der Fixierung von Spitze und Klinge am Stiel, auch Schaft genannt, mittels Nägel. Gleichzeitig hatten die fixierenden Metallbänder die Aufgabe, einen Bruch des Schaft dienenden Holzstiels durch einen Schlag mit einem Schwert oder einer anderen Waffe zu verhindern.

Schwachstelle: Der Schaft
Der lange Schaft war nähmlich generell eine der Schwachstellen aller Stangenwaffen. Ein normales Schwert wog, je nach Zeitepoche und Art, bis zu 1,4 kg. Hätte ein Schwertkämpfer beispielsweise mit der Klinge einen Schlag gegen den Schaft einer Hellebarde ohne metallverstärkte Fixierung - Schaftfeder genannt - mit voller Wucht ausgeführt, so wäre der Schaft gebrochen. Eine Kraft von mehreren Kilogramm, konzentriert in einer oft weniger als einen Millimeter breiten Klinge, fokussiert eine solche Kraft auf kleinstem Raum, daß ein dünner Holzschaft diesen auf Holzfaser scherend, trennend einwirkenden Kraft nicht widersteht - ein unterhalb der Klinge mit Metallbändern verstärkter Holzschaft hingegen schon. Umgekehrt heißt das aber auch, dass bei einem wuchtig seitwärts geschwungenem Schlag mit einem ungeschützten Holzschaft einer Stangenwaffe, falls er auf eine scharfe Kante des Zieles aufgeschlagen wäre, der ungeschützte Schaft ebenfalls gebrochen wäre.

Eine weitere, gerade im 15. Jahrhundert bei Kämpfern geschätzte Stangenwaffe ist das Fouchart gewesen, welches neben der Hellebarde sehr effektive Verteidigungsmöglichkeiten gegen berittene Angreifer bot. Das Fehlen einzelner für Hellebarden typische Elemente unterscheidet die Handhabung des Foucharts aber klar von dieser. Die Spitze der Hellebarde diente zum Stechen in Schwachstellen der Rüstung, wie zum Beispiel Ritzen zwischen einzelnen Rüstungsteilen. Dies geschah vorwiegend in einer geraden Linien nach vorne zum Angreifer hin, wodurch sich der Fußsoldat schwerbewaffnete Angreifer oder Reiter besser auf Distanz halten konnte. Die je nach Waffenunterart unterschiedlich ausgeprägten gebogenen Klingenhaken dienten zum Durchtrennen von Sehnen. Gurten oder Rüstungsstücken des Angreifers. Mit der Sichel versuchte der Fußsoldat weitaus seltener als vorwiegend mit dem geradlinigen Heranziehen der gebogenen Klingenhaken, durch mit Schwung ausgeführte, kreisförmige Bewegungen zum Beispiel die Rüstung am Rücken haltenden Ledergurte zu durchtrennen, sondern vielmehr einen verletzenden Treffer auf der weniger geschützten Rückseite oder Seite der Rüstungen zu landen. Er konnte entweder durch Schwachstellen in der Rüstung stechen oder sich mittels der Sichel in die Rüstung einhaken, um den Angreifer durch Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit schutzloser werden zu lassen.

Gefährlich für die Pferde:
Da ein Schwert eine kürzeren Aktionsradius hat als Stangenwaffen, war es für Schwertkämpfer schwer, sich im Kampf gegen Soldaten mit Stangenwaffen zu behaupten. Als Schutz vor Reitern konnte die Vogue ebenfalls zum Durchschneiden der Kniekehlen und Beinsehnen bei den angreifenden Pferden genutzt werden. Mit ihre Haken oder Sporen konnten die Stangenwaffen verschiedensten Epochen generell durch Stechen oder Reißen angreifenden Pferden schwere Bauch- und Kopfverletzungen verursachen, und daher waren Pferderüstungen im Spätmittelalter eine wichtige Ausrüstung, wenn massive Kämpfe gegen Stangenwaffenträger zu befürchten waren. Vorherige Angriffe durch Langbogen- oder Armbrustschützen oder je nach geschichtlicher Epoche sogar Artillerie oder Schützen mit Schwarzpulverwaffen minimierten das Risiko bei Angriffen der Reiter. Stangenwaffen können daher zu Recht als für Reiter gefährlich bezeichnet werden. Dem Grundprinzip des Stechens mittels einer Spitze am Ende der Stangenwaffen und kreisförmiger Bewegungen, um dem Angreifer Schnittverletzungen zuzufügen, blieben viele Stangenwaffenkonstruktionen treu. Besonders effektiv gegen die Kavallerie war vor allem die Pike, welche aus einem bis zu über sechs Meter langen Holzschaft mit einer Spitze ähnlich der Pike in einem Kartenspiel bestand. Wegen der Länge ihres Stiels konnten sich die Pikentiere in versetzten Reihen hintereinander aufstellen und so einen für Reiter und Fußtruppen nur sehr schwer zu durchdringenden Verteidigungswall bilden. Eine solche Verteidigungslinie ist für Reiter viel schwerer zu überwinden gewesen als beispielsweise Reihen von Hellebardenträgern. Pikenträger waren somit ein wichtiger Faktor, insbesondere kombiniert mit Hellebarden tragender Infanterie. Doch mit zunehmenden Feuerwaffen auf dem Schlachtfeld späterer Epochen verloren die Piken an Bedeutung.
Eine der wichtigsten Aufgaben von Hellebardenträgern in Schlachten war aber nicht nur die Abwehr von angreifenden Reitern und Infanterie. Stangenwaffen, wie eben die Hellebarde, wurden von Bogenschützen oft als Zweitwaffe mitgeführt. Zuerst ließen diese ihren Pfeilregen auf die Feinde niedergehen; gingen ihnen dann die Pfeile aus oder endete der Pfeilhagel wegen der Nähe zum Feind, bildeten sie mit ihren Hellebarden eine zusätzliche Truppenformation.

Waffe des Bürgertums:
Stangenwaffen wie die Hellebarde stehen als Synonym für aufstrebendes Bürgertum, gerade in der Schweiz und den umliegenden Alpenländern. Sie sind entgegen den Lanzen der Ritter, welche eine typische Waffe der aristokratischen Schicht darstellten, eine Waffe, die im Kampf von Nicht-Rittern getragen wurden. Das Tragen der Lanze stellte ein Privileg der Ritter dar, welches sie über Jahrhunderte von anderen Kämpfern unterschied. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Armeen und Soldaten des Hundertjährigen Krieges. Hellebarden sind hingegen typische Waffen der Söldnerheere, Stadtwachen oder Nachtwächter. Letztere hielten dank ihrer Hellebarden mit Dolchen ausgerüstete Ganoven wesentlich einfacher und weniger gefährdet in Schach, denn die größere Distanz zu jungen Gegnern glich die weniger guten körperlichen Kampfesfähigkeiten älterer Stadtwachen aus. Während bei den Stangenwaffen die Größe der Klingen und Metallspitzen variierte, entwickelten sich auch immer neue abweichende Formen, zum Beispiel spezielle Stangenwaffen, welche zum Umwerfen von Leitern der Angreifer bei Belagerung benutzt wurden. Mit dieser Waffe konnte man einerseits auf die Leiter hoch steigende Angreifer einstechen, anderseits aber mit den beiden unterhalb der Spitze halbmondförmig angeordneten Sichelklingen deren Leiter auch von der Burgmauer wegstoßen. Es handelt sich hierbei um eine nicht allgemein übliche Anwendung der Waffen.
Die in Deutschland und in der Schweiz sehr verbreitete Hellebarde sorgte später in Frankreich für neue Einflüsse der Waffentechnik. Bei schweizerischen Hellebarden findet man oft im Metall der Klinge ein kreuzförmiges Fenster als Zeichen in Bezug zur Schweiz. Hellebarden dienten aber, wie bereits erwähnt, nicht nur zum Kämpfen, sondern auch zu Repräsentationszwecken, um den Reichtum und die Macht des jeweils Herrschenden zu unterstreichen. Sie wurden daher bei Paraden, rituellen Handlungen sowie Zeremonien und Amtshandlungen getragen. Für derartige Zwecke gab es eigens geschaffene Hellebarden, welche besonders aufwendig gestaltete Klingen und Hakenformen sowie verzierte Griffe aufwiesen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die so genannten Fledermaushellebarden. Bei einzelnen dieser Waffen handelt es sich eigentlich schon fast nicht mehr um Waffen, sondern mehr oder weniger um reine Statussymbole oder Zierrat. Interessant sit daher auch die Weiterentwicklung der Waffenmeister auf der Suche nach Möglichkeiten, sich besser mit einer Hellebarde oder ähnlichen Stangenwaffe in die Schwachstellen einer Rüstung zu haken. Zu diesem Zwecke wurden eitere Klingen oder kleine Zacken und Haken integriert, um so durch Verkanten oder mittels der Widerhaken einen besseren Halt an der Rüstung des Angreifers zu gewährleisten.

Stangenwaffen als Kulturgut:
Generell läutete das spätere starke Aufkommen der Schusswaffen das Ende der meisten Stangenwaffen ein. Zwar gibt es bis heute weltweit auf Gewehre aufgepflanzten Klingenwaffen, welche entfernt als Stangenwaffen betrachtet werden können, aber echte Stangenwaffen sind dies nicht.
Stangenwaffen sind wichtige Teile des weltweiten Kulturgutes des Menschheit. Sie bestimmten die Kultur von den Speeren der Indianer über die Stangenwaffen der Shaolinmönche bis hin zu den Speeren afrikanischer Eingeborener. Leider treten diese Waffen in Filmen und Romanen im Vergleich zu Schwertern, Dolchen und später Schusswaffen zu sehr in den Hintergrund. Dies ist schade und gibt die Wirklichkeit verzerrt wieder. Stangenwaffen sind heute in den meisten deutschen Burgen zu sehen, so zum Beispiel in den Burgen hoch über Mosel und Rhein.

- Ende -